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Wien 8 - Strozzigasse 47
Selbst unerfahrene Trinker schmecken bei Gin Wacholder, exotische Kurkuma oder süße Heidelbeere.
Kein Wunder, dass dem Trink-Trend folgend im Vorjahr 150 neue Sorten auf den Markt kamen.
Als Sohn eines Angestellten einer Prager Schnapsfabrik kann man dem Autor Friedrich Torberg
durchaus unterstellen, ein Naheverhältnis zu Hochprozentigem gehabt zu haben.
Demnach hätte er wohl auch seine Freude gehabt in der Strozzigasse 46 im 8. Bezirk: In der nach ihm
benannten Bar reiht sich Gin an Gin an Gin an Gin-304 verschiedene Sorten zum aktuellen Zeitpunkt.
Weil Bar, Fensterbänke und Kästen im Lokal überquellen, will Inhaber Gerald Gsöls nun eine Zwischendecke als
Regalfläche einziehen.
Zwei ausgewiesene Gin-Bars gibt es mittlerweile in Wien-zum Torberg im 8. gesellt sich die Slubar im 19. mit
180 Gins und 24 Tonics. Das ginbegeisterte Publikum in Wien reicht für beide. Und es wächst.
"Vor etwa zwei Jahren sprang das Phänomen Gin von den Spezialisten auf die Masse über", erzählt Gsöls,
der vor fünf Jahren mit 70 Gins begann. "Gin riecht und schmeckt nach dem, was drin ist.
Er ist eine der wenigen Spirituosen, die auch Unerfahrenen ein schnelles Erfolgserlebnis bieten", macht der
Torberg-Chef den Unterschied zu fein nuancierten Getränken wie Whiskey aus.
Hart und weich
Außerdem sei Gin ein "Unisex"-Getränk: Bis zu 70 Prozent mache an manchen Abenden der
Frauenanteil in seinem Lokal aus, so Gsöls. Ihr Trinkverhalten unterscheide sich von dem seiner
männlichen Gäste: "Sie sind weniger experimentierfreudig. Viele trinken harte Gins mit weichen Limonaden."
Unter seinen 304 Ginsorten finden sich vereinzelt Österreicher-etwa der goldgelbe Safran-Gin der
Edeldestillerie Krauss aus der Weststeiermark. Tendenziell sei Österreich aber kein großer Gin-Produzent, so Gsöls,
und am Weltmarkt nicht vertreten. Während deutsche Produzenten sich durch 200 Gins kosten und eine Idee entwickeln, orientieren sich Österreicher zu oft an der klassischen Wacholdernote. "Es gibt viele, die Wacholder lieben.
Aber ohne Idee wird der Geschmack langweilig und austauschbar." Anis, Kümmel, Zimt, Lakritze, Veilchenwurzel,
Rosmarin und Muskat, Zitronen-oder Orangenschalen-die Liste der möglichen "Botanicals", der Geschmacksgeber,
die ein Gin enthalten kann, ist unendlich. 47 davon benutzt etwa der Monkeys 47 Dry Gin aus dem Schwarzwald.
Kein Massenprodukt
Obwohl der Anteil von Gin am Spirituosenmarkt weltweit stetig steige und 2014 europaweit 150 neue
Sorten auf den Markt gekommen seien, gibt Gsöls seinem Lieblingsgetränk nur begrenzte Wachstumschancen:
"In Diskotheken ist Gin nach wie vor inexistent. Den Weg dorthin wird er auch nie schaffen."
Billiger Gin löse bei vielen jungen Menschen aufgrund niedriger Qualität schlechte Erfahrungen aus.
Gute Qualität hingegen habe seinen Preis. "Es gibt genug Menschen, die bereit sind, für diese Qualität zu zahlen.
Aber die Masse ist das nicht."
Sein Absatz habe sich zum Teil verschoben in eine "Top-Liga": "Nachgefragt werden Sorten, die rar sind.
Das Getränk wird zum Statussymbol." Wie etwa Gin aus dem Holzfass-der dann doch wieder so fein
nuanciert schmeckt wie ein Whiskey.
 

 

Die 304 Gins von Gerald Gsöls sprengen langsam die Regale in seiner Gin-Bar, dem Torberg.